Umgang mit Depression
- Jürgen Justus
- vor 6 Tagen
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Aus der Dunkelheit ins Licht – praktische Schritte
„Wenn Sie kämpfen – mit Depression oder mit irgendeiner anderen lähmenden Herausforderung – wissen Sie, dass Sie nicht allein sind. Ich verstehe es. Mir liegt Ihre Geschichte am Herzen. Sie werden gesehen. Sie werden geliebt. Sie können geheilt werden. Sie müssen keine Angst vor der schwarzen Wolke haben, so bedrohlich sie auch aussieht. Sie müssen nicht in Dunkelheit gefangen bleiben."— Jack Graham, Reignite
Ein Pastor in der Dunkelheit
Es war eine Diagnose, die Jack Grahams Welt erschütterte. Nach einer Krebsoperation im Jahr 2020 erlebte der bekannte Pastor von Prestonwood Baptist Church etwas, womit er nie gerechnet hatte: Er fiel in eine tiefe Depression.
„Angst? Ich?" erinnert er sich an seinen ungläubigen Reflex. „Ich bin doch Jack Graham!" Aber die Angst kümmerte sich nicht darum, wer er war.
Was als körperliche Erkrankung begann, verwandelte sich in eine emotionale Plage, die ihn hoffnungslos, hilflos und verzweifelt zurückließ. In seinen eigenen Worten: „Ich war ein toter Mann auf Beinen – oder besser gesagt, auf allen Vieren kriechend."
Die Symptome waren überwältigend:
Hoffnungslosigkeit
Traurigkeit
Hilflosigkeit
Verzweiflung
Taubheit
Antriebslosigkeit
Appetitlosigkeit
Schlaflosigkeit
„Die Schlaflosigkeit war das Schlimmste", schreibt Graham. Nacht für Nacht lag er wach und stellte sich vor, wie der Krebs seinen Körper überschwemmte.
Du bist nicht allein
Wenn du diese Zeilen liest und dich in Jacks Beschreibung wiedererkennst, dann lass mich dir etwas Wichtiges sagen: Du bist nicht allein.
Dr. Tim Clinton, Präsident der American Association of Christian Counselors berichtet, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben „an schweren depressiven Störungen leiden werden."
Das bedeutet: Jeder fünfte Mensch wird irgendwann unter dieser schwarzen Wolke wandeln.
James Merritt, ein weiterer Pastor, der offen über seine eigene Depression spricht, beschreibt den Unterschied zwischen normaler Traurigkeit und Depression so:
„Traurigkeit ist wie ein Sprinter, der irgendwann aufhört, um sich auszuruhen. Die Depression ist ein Dauerläufer, der immer weiterläuft. Wenn die Traurigkeit zu einem Treibsand wird, aus dem man nicht mehr herauskommt und der einen daran hindert, selbst am hellsten Tag die Sonne zu sehen, dann ist das eine Depression."
Depression kennt keine Ausnahmen
Hier ist eine befreiende Wahrheit: "Gute" Menschen, gottesfürchtige Menschen und großartige Menschen werden depressiv.
Abraham Lincoln sagte: „Ich bin jetzt der unglücklichste Mensch, der lebt."
Der Prophet Elia – direkt nach seinem größten geistlichen Sieg – wünschte sich den Tod.
König David schrieb: „Wie lange willst du dein Antlitz vor mir verbergen? Wie lange soll ich Sorgen tragen in meiner Seele?"
Winston Churchill nannte seine Depression den „schwarzen Hund".
J.K. Rowling beschrieb sie als „die kalte Abwesenheit von Gefühl".
Pastor Tommy Nelson, ein enger Freund von Jack Graham, schockierte seine Gemeinde, als er öffentlich zugab, dass er an Depressionen litt. Dieser „harte, geradlinige ehemalige College-Quarterback" – der letzte Mensch, von dem man es erwarten würde – konnte eines Tages einfach nicht mehr aus dem Bett aufstehen.
Die Botschaft ist klar: Es ist keine Schande, depressiv zu sein. Es ist keine Frage des Glaubens, der Stärke oder des Charakters. Depression kann jeden treffen.
Die vier Stufen der Depression verstehen
James Merritt identifiziert vier Stufen der Depression:
Niedergeschlagenheit – ein vorübergehendes Gefühl der Traurigkeit
Entmutigung – ein vorübergehendes Gefühl der Hoffnungslosigkeit
Schwermut – ein intensives Gefühl der Traurigkeit, das wochen- oder monatelang anhalten kann
Verzweiflung – ein gefährliches Stadium emotionaler Instabilität, das zu Suizidgedanken führen kann
Wenn du dich in einer dieser Stufen befindest – besonders in der letzten – suche dir Hilfe. Behalte es nicht für dich.
Warum gerade jetzt? Die Auslöser verstehen
Depression überfällt uns oft nicht, wenn das Leben schlecht läuft, sondern gerade dann, wenn es gut läuft. Elia hatte gerade seinen größten Sieg errungen – und stürzte direkt danach in die tiefste Krise seines Lebens.
James Merritt hat drei Hauptauslöser identifiziert:
1. Physische Auslöser
Elia war körperlich am Ende. Er hatte eine Strecke von fast 500 Kilometern zurückgelegt und eine lange Fastenzeit hinter sich.
Wenn du übermüdet bist, schlecht isst, Sport vernachlässigst oder dich überarbeitest – bist du ein Hauptkandidat für Depression. Auch chemische Ungleichgewichte im Gehirn können Depression auslösen.
2. Emotionale Auslöser
Die „4-D"-Depression: Death, Disease, Divorce, Disaster (Tod, Krankheit, Scheidung, Katastrophe). Der Verlust eines geliebten Menschen, eine lebensbedrohliche Diagnose, eine Scheidung oder der Verlust des Arbeitsplatzes – jedes dieser Ereignisse kann die Emotionen wie eine Lawine über uns hereinbrechen lassen.
3. Geistliche Auslöser
Manchmal kann uneingestandene, unbereute Sünde zu Depression führen. Psychologen haben entdeckt, dass unterdrückte Wut oder Bitterkeit eine der Hauptursachen für Depression ist. Wenn wir Verbitterung verinnerlichen, gerinnt sie zu Depression.
Der fatale Fehler: Isolation
„Wenn man deprimiert ist, ist man versucht, sich zurückzuziehen – ins Bett zu gehen, die Decke über sich zu ziehen und sich in seinem Selbstmitleid zu suhlen. Menschen begehen selten Selbstmord im Beisein anderer Menschen. Sie tun es allein."— James Merritt
Elia beging den Kardinalfehler: Er isolierte sich völlig und entfernte sich von allen, die ihm helfen konnten. Das ist die denkbar schlechteste Lösung.
Widersteht dem Drang, dich zu verstecken. Suche Gemeinschaft – auch wenn es das Letzte ist, wonach dir ist.
AUS DER DUNKELHEIT INS LICHT: 7 PRAKTISCHE SCHRITTE
Schritt 1: Gib die Realität zu
Es ist nichts Falsches daran, deprimiert zu sein. Aber der erste Schritt zur Heilung ist Ehrlichkeit.
Elia war ehrlich genug, dem Herrn mitzuteilen, dass er deprimiert war: „Ich habe genug, Herr. Nimm mein Leben" (1. Könige 19,4).
Sei mutig genug, dir die Realität der Depression einzugestehen – vor dir selbst, vor Gott und vor mindestens einer Vertrauensperson.
Jack Graham bekennt: „Während meiner unglückseligen Monate war die Akzeptanz der schwierigste Teil meines Tages. Ich wollte nicht deprimiert sein. Ich wollte mein altes Leben zurück."
Schritt 2: Suche professionelle Hilfe
Jack Graham änderte seine Meinung über Therapie und Medikamente radikal:
„Was immer du über Christen und Medikamente glaubst, ändert sich radikal, wenn du aus dem Boden des schwarzen Lochs namens Depression nach oben starrst."
Tommy Nelson, sein Pastorenfreund, sagt es noch direkter: „Wenn du in diesem Zustand bist, würdest du sogar Rattenkot nehmen, wenn es helfen würde."
Geh zu einem Facharzt. Lass dich gründlich untersuchen – auch körperlich (z.B. Schilddrüse). Und wenn Medikamente notwendig sind, nimm sie.
Schritt 3: Lade deinen Körper auf
Beachte, was Gott als Erstes für den depressiven Elia tat:
„Da legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser." (1. Könige 19,5-6)
Gottes erste Intervention war nicht eine Predigt – es war Schlaf und Nahrung.
Praktische Schritte:
Sorge für ausreichend Schlaf
Iss regelmäßig und gesund
Bewege dich an der frischen Luft
Gönne dir Ruhe ohne schlechtes Gewissen
Schritt 4: Kehre zu Gottes Wort zurück
Dies war Jack Grahams Lebensretter:
„Als nichts anderes für mich funktionierte während des einjährigen Kampfes mit der Depression, rettete mich diese eine Gewohnheit immer wieder und zog mich aus den Tiefen der Grube, stellte meine Füße wieder auf festen Boden. Diese Gewohnheit war die Rückkehr zu Gottes Wort."
Die Bibel wurde sein „Seil aus der Grube".
Besonders die Psalmen wurden ihm zur Lebensader: „Die Gefühle des Psalmisten waren echt und rau. In einem Moment wütete er über seine Umstände, nur um ein paar Zeilen später Gott wieder zu preisen. Das war ein emotionaler Zustand, mit dem ich mich identifizieren konnte."
Praktischer Tipp: Wähle einen Psalm und bete ihn durch. Sprich die Worte als dein eigenes Gebet.
Schritt 5: Bete – auch wenn du nichts fühlst
„Wenn du Schwierigkeiten hast, die Herausforderungen anzunehmen, denen du heute gegenüberstehst, bitte Gott um das, was du brauchst."
Jack Graham betete um „nur ein kleines bisschen Glauben" – so klein wie ein Senfkorn. Und er betete, dass sein Berg sich bewegen würde.
Gebet ist keine Leistung. Es ist das Eingeständnis, dass du Hilfe brauchst. Selbst ein Gebet aus dem tiefsten Tal – selbst ein Gebet voller Zweifel und Fragen – erreicht Gottes Ohr.
Schritt 6: Warte auf den Herrn
Jesaja 40,31 wurde Jack Graham zum Anker:
„Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden."
Warren Wiersbe schrieb: „Wir leben nicht von Erklärungen; wir leben von Verheißungen." So vieles im Leben kann nicht erklärt werden. So vieles müssen wir einfach annehmen.
Warten ist keine Passivität – es ist aktives Vertrauen. Es ist die Entscheidung, zu glauben, dass der Morgen kommen wird, auch wenn die Nacht endlos erscheint.
Schritt 7: Werde aktiv für andere
James Merritt nennt diesen Schritt „Spiritual Refocus" – geistliche Neuausrichtung:
„Hören Sie auf, sich selbst zu bemitleiden, machen Sie sich auf und suchen Sie jemanden, der in Not ist, und tun Sie etwas für ihn."
Gott sandte Elia nicht in den Ruhestand – er gab ihm einen neuen Auftrag. Er sollte Elisa salben und sein Werk fortsetzen.
Manchmal ist der beste Weg aus der eigenen Dunkelheit, Licht für jemand anderen zu sein.
Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort
Peter Scazzero schreibt über die „Nächte der Seele":
„Wenn wir während dieser Zeiten der Orientierungslosigkeit vor Gott und vor unserem Kummer davonlaufen, heilt dies unseren Schmerz nicht. Im Gegenteil – es macht ihn nur noch schlimmer. Um zu heilen und zu reifen, müssen wir auf unserem Weg zum Licht durch das Tal des Todesschattens gehen."
Barbara Brown Taylor ergänzt:
„Ich habe in der Dunkelheit Dinge gelernt, die ich im Licht niemals hätte lernen können, Dinge, die mir immer wieder das Leben gerettet haben. Ich brauche die Dunkelheit genauso wie das Licht."
Die Dunkelheit ist kein Zeichen von Gottes Abwesenheit. Manchmal ist sie der Ort, an dem er am tiefsten arbeitet.
Hoffnung hat einen Namen
Lass mich mit Jack Grahams Worten an dich schließen:
„Wenn Sie kämpfen – mit Depression oder mit irgendeiner anderen lähmenden Herausforderung – wissen Sie, dass Sie nicht allein sind. Sie werden gesehen. Sie werden geliebt. Sie können geheilt werden. Sie müssen keine Angst vor der schwarzen Wolke haben. Sie müssen nicht in Dunkelheit gefangen bleiben. Sie müssen Ihren Kampf, Ihren Schmerz nicht verstecken. Sie können Ihren Weg aus der Grube finden, in die Sie gefallen sind. Gottes Wort wird Ihr Seil sein."
Und James Merritt fügt hinzu:
„Jesus Christus wusste, was es heißt, durch die dunkelsten Abgründe der Seele zu gehen. Aber in der Tiefe seines eigenen Tals stieg er auf einen Berg und starb an einem Kreuz. Dann erhob Gott ihn aus dem Tal des Todes auf den Berg der Auferstehung. Wenn Gott seinen Sohn von den Toten auferwecken kann, kann er auch deine Seele aus der Tiefe erheben. Wenn Jesus Wasser in Wein verwandeln kann, kann er auch deine Depression in Freude verwandeln. Er ist die Brücke über unruhige Wasser."
Zusammenfassung: 7 Schritte aus der Dunkelheit
Schritt | Aktion | Bibelstelle |
1. Zugeben | Sei ehrlich über deinen Zustand | 1. Könige 19,4 |
2. Hilfe suchen | Professionelle Unterstützung annehmen | Sprüche 11,14 |
3. Körper pflegen | Schlaf, Ernährung, Bewegung | 1. Könige 19,5-6 |
4. Gottes Wort | Täglich in der Bibel lesen | Psalm 119,105 |
5. Beten | Auch ohne Gefühle zu Gott sprechen | Psalm 13,2-6 |
6. Warten | Aktiv auf Gott vertrauen | Jesaja 40,31 |
7. Dienen | Anderen Gutes tun | 1. Könige 19,15-16 |
Wenn du jetzt Hilfe brauchst
Wenn du gerade in einer akuten Krise bist oder Suizidgedanken hast:
Telefonseelsorge Deutschland: 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7)
Du bist nicht allein. Hilfe ist verfügbar. Und es gibt Hoffnung.



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