Wie konnten Menschen im Alten Testament zu Gott kommen?
Die Frage, wie Menschen vor dem Kreuzestod Jesu zu Gott kommen und Vergebung erhalten konnten, ist theologisch sehr bedeutsam. Es geht um die Reichweite von Gottes Heilsplan und ob der Erlösungsweg immer derselbe war.
Waren die Tieropfer ausreichend?
Eine wichtige theologische Erkenntnis ist, dass die Tieropfer im Alten Testament an sich nicht die endgültige Vergebung bewirken konnten. In Hebräer 10:4 wird klar festgehalten: "Es ist unmöglich, durch das Blut von Stieren und Böcken Sünden wegzunehmen."
Die Tieropfer im alttestamentlichen Opfersystem hatten eine doppelte Funktion:
- Vorläufige Bedeckung: Die Opfer "bedeckten" die Sünde, ohne sie endgültig zu beseitigen. Das Wort für "Sühne" im Alten Testament bedeutet wörtlich "bedecken" – dasselbe hebräische Wort, das in Genesis 6:14 verwendet wird, wo Gott Noah anweist, die Arche innen und außen mit Pech zu "bedecken." Während das Opfersystem für eine Zeit ausreichend funktionierte, war es in seiner Natur vorübergehend. Die Sünden derer, die unter dem levitischen System lebten, wurden bedeckt, aber nicht im absoluten Sinne vergeben.
- Prophetischer Hinweis: Die Opfer dienten als Vorabschattierung des vollkommenen Opfers Christi. Jedes geschlachtete Lamm, jedes vergossene Blut verwies auf das zukünftige Opfer des "Lammes Gottes." Die Rituale des Versöhnungstages konzentrierten sich ebenfalls auf ein stellvertretendes Sühneopfer für die Sünden des Volkes.
Abraham und die Rechtfertigung durch Glauben
Der Fall Abrahams ist besonders aufschlussreich. In Römer 4 erklärt Paulus, dass Abraham durch Glauben gerechtfertigt wurde, nicht durch Werke. Dies geschah, bevor er beschnitten wurde und lange vor dem mosaischen Gesetz. Hier finden wir einen Mann, der durch Glauben gerechtfertigt wurde vor seiner Beschneidung, vor dem Gesetz, vor Mose und den Zehn Geboten. Hier ist ein Mann, der durch Glauben gerechtfertigt wurde vor dem Kreuz! Das sündenbedeckende Blut von Golgatha reicht genauso weit in die Vergangenheit, wie es in die Zukunft reicht.
Die Formel in 1. Mose 15:6 "Abraham glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit" bildet das theologische Fundament für das Verständnis, wie Menschen im Alten Testament gerettet wurden: durch Glauben.
Der vorausschauende Glaube
Theologisch lässt sich feststellen, dass alttestamentliche Gläubige durch einen "vorwärtsblickenden Glauben" gerettet wurden. Diejenigen, die unter dem alten Bund gerettet wurden, wurden auch durch Christus gerettet, obwohl ihr Glaube ein vorwärtsblickender Glaube war, der auf Gottes Wort der Verheißung beruhte, dass ein Messias oder ein Erlöser kommen würde.
Der Hebräerbrief bekräftigt dies: "Diese alle sind gestorben im Glauben, ohne die Verheißungen empfangen zu haben, sondern sie haben sie nur von ferne gesehen und waren davon überzeugt" (Hebr. 11:13). Und Jesus selbst sagte über Abraham: "Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich" (Johannes 8:56).
Die rückwirkende Wirksamkeit des Kreuzes
Eine tiefgründige theologische Einsicht ist, dass das Kreuzesopfer Christi zeitlos ist und in beide Richtungen der Geschichte wirksam war. Das Werk Christi ist die Quelle aller menschlichen Errettung von der Sünde: die Errettung Adams und Evas, Noahs, Abrahams, Moses, Davids und aller Gottesmenschen in jedem Zeitalter, Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Jeder, der jemals gerettet wurde, ist durch den neuen Bund in Christus gerettet worden.
In Römer 3:25-26 erklärt Paulus, dass Gott Christus zum "Sühnopfer" bestimmt hat, "um seine Gerechtigkeit zu erweisen, weil er die Sünden ungestraft gelassen hatte, die früher begangen wurden". Diese Passage deutet darauf hin, dass Gott die Sünden der alttestamentlichen Gläubigen in Voraussicht auf das Opfer Christi vergab.
Die Unterschiede in der Erkenntnis
Es gab jedoch einen wichtigen Unterschied zwischen uns und den alttestamentlichen Gläubigen: der Grad der Erkenntnis. Die Menschen des Alten Testaments wussten nicht, dass Jesus der Messias war, dass Jesus sterben würde und dass sein Tod die Grundlage der Erlösung sein würde.
Ihr Glaube beruhte auf dem, was ihnen offenbart worden war. In Römer 4 erklärt Paulus, dass Abraham glaubte, Gott könne die Toten auferwecken. Dieser Glaube an Gottes Macht und Verheißungen, obwohl ohne genaue Kenntnis der historischen Details von Christi Leben, war ein echter rettender Glaube.
Die endgültige Erfüllung in Christus
Was im Alten Testament begann, wurde in Christus vollkommen erfüllt. Christi schließliches Opfer seines eigenen Lebens als das "Lamm ohne Fehler" war die Erfüllung der Opfergaben zur Sühne für die Sünde. Sowohl die Gläubigen des Alten Testaments als auch die des Neuen Testaments wurden durch die Gnade durch Jesus Christus gerettet.
In Hebräer 9:15 lesen wir, dass Christus "der Mittler eines neuen Bundes ist, damit durch seinen Tod... die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen." Seine Erlösung wirkt also auch rückwirkend für die unter dem ersten Bund begangenen Übertretungen.
Zusammenfassung
Die theologische Antwort auf diese Frage lässt sich so zusammenfassen:
- Der Weg zum Heil war immer derselbe: durch Glauben an Gottes Verheißungen.
- Die Tieropfer waren unzureichend: Sie konnten Sünden nicht endgültig beseitigen, sondern nur temporär bedecken.
- Abraham wurde durch Glauben gerechtfertigt: Seine Rechtfertigung erfolgte vor dem Gesetz und dem Opfersystem, allein durch seinen Glauben an Gottes Verheißungen.
- Christus ist das Zentrum der Heilsgeschichte: Sein Opfer ist zeitlos wirksam, sowohl für die Menschen vor als auch nach seinem historischen Kreuzestod.
- Der Unterschied liegt in der Erkenntnis: Die alttestamentlichen Gläubigen blickten in gläubiger Erwartung auf den kommenden Messias, während wir auf den gekommenen zurückblicken.
Gottes Heilsplan war niemals ein Plan B, sondern von Ewigkeit her vorgesehen. Die alttestamentlichen Gläubigen wurden auf derselben Grundlage gerettet wie wir heute: durch Glauben an Gottes Verheißungen, die sich letztendlich alle in Christus erfüllt haben.