Wie geht man mit biblischen Texten um, die heutigen ethischen Maßstäben widersprechen?
Diese Frage ist berechtigt und wichtig. Wer die Bibel liest, stößt unweigerlich auf Texte, die irritieren: Gebote zur Sklaverei, Kriegsberichte, Unterordnungsaussagen, Strafgesetze, die uns fremd erscheinen. Wie gehen wir damit verantwortungsvoll um – ohne die Bibel entweder zu verwerfen oder die Probleme zu ignorieren?
Vier Grundhaltungen, die helfen
1. Langsamer werden statt reflexhaft reagieren
Timothy Keller berichtet aus seiner Erfahrung in New York: Immer wieder kamen Menschen zu ihm, die über einen bestimmten Bibelvers „stolperten". Sein Rat:
Statt reflexartig davonzulaufen, sollten wir verschiedene Perspektiven ausprobieren. Viele Texte, die auf den ersten Blick anstößig erscheinen, entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als weniger problematisch, als sie zunächst scheinen.
Das klassische Beispiel ist der Satz „Sklaven, gehorcht euren Herren". Wer das liest, denkt sofort an den transatlantischen Sklavenhandel des 18. und 19. Jahrhunderts – oder an den heutigen Menschenhandel. Aber die Sklaverei im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts war etwas völlig anderes: Sklaven waren nicht durch Rasse, Sprache oder Kleidung zu unterscheiden; sie verdienten das gleiche wie freie Arbeiter und konnten Eigentum besitzen. Das rechtfertigt die antike Sklaverei nicht – aber es verändert, wie wir solche Texte lesen müssen.
Ein guter Kommentar, der den historischen Kontext erklärt, löst viele vermeintliche Probleme.
2. Die eigene kulturelle Brille erkennen
Dies ist vielleicht der wichtigste Punkt: Wir müssen unsere eigene Zeit und Kultur genauso kritisch betrachten wie die biblische.
Keller schreibt: „Menschen sollten bedenken, dass ihr Problem mit bestimmten Texten auf einem ungeprüften Glauben an die Überlegenheit ihres historischen Moments über alle anderen basieren könnte."
Denk darüber nach: Viele Überzeugungen unserer Großeltern erscheinen uns heute albern oder sogar peinlich. Dieser Prozess wird nicht aufhören. Unsere Enkelkinder werden viele unserer Ansichten genauso veraltet finden. Wäre es nicht tragisch, die Bibel wegen einer Überzeugung zu verwerfen, die bald selbst ziemlich schwach aussehen wird?
Ein konkretes Beispiel: Menschen im säkularen Westen empören sich über die biblische Lehre von der Hölle, finden aber die Aufforderung, die andere Wange hinzuhalten, wunderbar. In traditionellen Gesellschaften des Nahen Ostens ist es genau umgekehrt – Vergebung erscheint schwach und unpraktisch, aber moralische Sexualstandards ergeben Sinn.
Das zeigt: Unsere kulturelle Position bestimmt, welche Bibeltexte wir „schwierig" finden. Jede Kultur hat ihre eigenen blinden Flecken.
3. Zwischen Haupt- und Nebenthemen unterscheiden
Keller gibt einen praktischen Rat: Konzentriere dich zuerst auf die zentralen Botschaften der Bibel – nicht auf die sekundären.
Wenn jemand sagt: „Ich kann nicht akzeptieren, was die Bibel über Geschlechterrollen sagt", sollte die Antwort lauten: „Moment – Christen selbst sind sich nicht einig, was bestimmte Texte genau bedeuten. Aber alle bekennen: Jesus ist von den Toten auferstanden. Kümmere dich nicht um Geschlechterrollen, bis du weißt, was du von den zentralen Lehren des Glaubens hältst."
Die Frage ist: Heißt das, dass Jesus nicht auferstanden sein kann, weil dir nicht gefällt, was die Bibel über Sexualität sagt? Das wäre ein logischer Fehlschluss.
Wenn Jesus der Sohn Gottes ist, dann müssen wir seine Lehre ernst nehmen – einschließlich seines Vertrauens in die Autorität der Schrift. Dann folgt die Bereitschaft, uns auch schwierigen Texten zu stellen – nicht umgekehrt.
4. Von anderen Kulturen lernen
Hier wird es überraschend: Andere Kulturen können uns helfen, die Bibel besser zu verstehen.
D.A. Carson weist auf ein Phänomen hin, das er „Kanon im Kanon" nennt: Wir behandeln manche Teile der Bibel als wichtiger und ignorieren andere – abhängig von unserem Temperament, unserer Erfahrung und Kultur.
Ein Beispiel: Die Bibel spricht davon, dass Gott alle Menschen liebt – und dass er die Erlösten mit gnädiger Liebe liebt und über die Gottlosen zornig ist. Unterschiedliche Kulturen reagieren unterschiedlich auf diese Aspekte. Individualistische Kulturen betonen Gottes Liebe für jeden Einzelnen; gemeinschaftsorientierte Kulturen verstehen intuitiver, wie Gott mit Gruppen und Nationen handelt.
Interaktion mit anderen Kulturen zeigt uns Dinge in der Bibel, die immer da waren – die wir aber übersehen haben, weil unsere eigenen kulturellen Annahmen uns blind machten.
Keller berichtet: Säkulare Menschen in westlichen Kulturen sind hochindividualistisch, was sie sensibel macht für Verletzungen der Menschenwürde aufgrund von Rasse. Viele Christen, die mit Säkularisten interagiert haben, gingen zurück zur Schrift und entdeckten, dass die Bibel viel mehr über das Übel des Rassismus sagt, als sie gedacht hatten. Sie korrigierten nicht die Bibel – sie korrigierten ihr Verständnis der Bibel.
Drei wichtige Warnsignale
Warnung 1: Nicht die eigene Kultur zur absoluten Norm erheben
„Wenn wir sagen: ‚Was die Bibel hier sagt, ist wahr – aber was sie dort sagt, ist rückständig und veraltet', haben wir unsere eigene Kultur absolutiert und ihr die endgültige Autorität über die Bibel gegeben."
Warnung 2: Weder kulturellen Fundamentalismus noch Relativismus
Es gibt zwei Extreme zu vermeiden:
- Kultureller Fundamentalismus: Der Glaube, man könne die Bibel in kulturfreien, universellen Begriffen lesen und ausdrücken – als hätte man selbst keine kulturellen blinden Flecken.
- Kultureller Relativismus: Die Überzeugung, die Schrift könne keine andere Bedeutung haben als die, die die heutige Situation erlaubt – als wäre unsere Zeit der Maßstab aller Dinge.
Warnung 3: Die Bibel ist nicht nur Kulturprodukt
Donald Bloesch betont: Die ganze Bibel trägt die Spuren kultureller Prägung. Die Propheten und Apostel bringen uns nicht nur eine göttliche Perspektive, sondern auch ihr kulturelles Erbe. Aber das bedeutet nicht, dass wir nur einen Haufen kulturell bedingter Meinungen vor uns haben.
„Das Problem mit der Unterscheidung zwischen ‚bleibenden Wahrheiten' und ‚zeitbedingten Hüllen' ist, dass Form und Inhalt untrennbar verbunden sind. Wir haben den göttlichen Inhalt nur in der Sprache der Bibel – der mythisch-poetischen Sprache der Heiligen Schrift."
Ein konstruktiver Weg nach vorne
Die Bibel gibt uns die Werkzeuge zur Selbstkorrektur
Das ist bemerkenswert: Die Bibel selbst hat Christen gelehrt, religiös begründete Ungerechtigkeit von innen heraus zu kritisieren. Die Propheten des Alten Testaments taten genau das. Jesus tat es gegenüber den Pharisäern.
Ein Beispiel: Während das Neue Testament die Sklaverei seiner Zeit nicht direkt abschaffte, legte es Prinzipien, die später zur Abschaffung führten. Paulus sagte Philemon, er solle seinen Sklaven Onesimus als „geliebten Bruder" behandeln – nicht nur „im Herrn", sondern auch „im Fleisch", also im alltäglichen Leben. Das war die Saat, die später aufging.
Die christliche Geschichte zeigt viele bemerkenswerte Beispiele von Selbstkorrektur. Dieselbe Bibel, die missbraucht wurde, um Sklaverei zu rechtfertigen, wurde später zum Fundament für deren Abschaffung – durch Menschen, die tiefer in ihren Sinn eindrangen.
Praktische Schritte
- Bei einem schwierigen Text nicht sofort weglaufen – sondern verschiedene Perspektiven ausprobieren.
- Historischen Kontext studieren – ein guter Kommentar kann viele Fragen klären.
- Die eigene kulturelle Brille erkennen – welche Texte finden wir „anstößig", und warum gerade diese?
- Zwischen zentralen und sekundären Lehren unterscheiden – zuerst die Hauptsache klären: Wer ist Jesus?
- Mit der Gemeinschaft lesen – andere Christen (auch aus anderen Kulturen und Zeiten) helfen uns, unsere blinden Flecken zu erkennen.
- Demut bewahren – John Frame schreibt: „Wenn wir mit Bibelproblemen umgehen, ist es wichtig, uns unserer Begrenzungen bewusst zu sein, also demütig zu lesen. Bei einem Problem ist es keine Schande zu sagen: ‚Ich weiß nicht, wie sich das auflösen lässt.'"
- Die Frage umdrehen – Nicht: „Warum sagt die Bibel etwas, das mich stört?" Sondern: „Warum glaube ich so fest an einen ethischen Maßstab, der der Bibel widerspricht? Woher kommt mein Maßstab – und ist er wirklich so sicher?"
Ein Schlussgedanke
Die Annahme, dass ein Gott – wenn er existiert – keine Ansichten hätte, die uns herausfordern oder verstören, ergibt wenig Sinn. Ein Gott, der nie unseren Überzeugungen widerspricht, wäre nur eine Projektion unserer selbst.
Die wahre Frage ist nicht: „Stimmt die Bibel mit meiner Ethik überein?" Die wahre Frage ist: „Ist Jesus der Sohn Gottes?" Wenn ja, dann folgt alles andere – einschließlich der Bereitschaft, uns von ihm korrigieren zu lassen, auch dort, wo es wehtut.
„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg." (Psalm 119,105)