Welche Rolle spielen Zweifel?
Und was, wenn sie die Ermutigungen überwiegen
Zweifel gehören zum Glauben
Peter Zimmerling bringt es auf den Punkt:
„Den Glauben gibt es nicht ohne den Zweifel. Wie ein Schatten begleitet der Zweifel den Glauben jedes Menschen."
Das zu leugnen, führt unweigerlich zu Heuchelei und Hochmut.
Timothy Keller formuliert es noch provokanter:
„Ein Glaube ohne Zweifel ist wie ein menschlicher Körper ohne Antikörper. Menschen, die gedankenlos durchs Leben gehen, zu beschäftigt oder gleichgültig, um sich harte Fragen zu stellen, warum sie glauben, was sie glauben, werden sich wehrlos wiederfinden – sowohl gegenüber Tragödien als auch gegenüber den bohrenden Fragen eines intelligenten Skeptikers."
Was Zweifel leisten können
1. Sie machen den Glauben reif
„Gläubige sollten ihre Zweifel anerkennen und mit ihnen ringen – nicht nur mit ihren eigenen, sondern auch mit denen ihrer Freunde und Nachbarn."
Nur wer lange und hart mit Einwänden gegen den Glauben gerungen hat, wird in der Lage sein, Gründe für seine Überzeugungen zu liefern, die plausibel sind – statt lächerlich oder anstößig.
2. Sie schützen vor Naivität
Ein Glaube, der nie geprüft wurde, kann „fast über Nacht zusammenbrechen", wenn Tragödien kommen oder jemand kritische Fragen stellt.
„Zweifel sollten erst nach langer Reflexion verworfen werden" – nicht schnell beiseitegeschoben.
3. Sie führen zu Demut und Verständnis
Wer mit seinen eigenen Zweifeln gerungen hat, wird „selbst nach einer Position starken Glaubens jene respektieren und verstehen, die zweifeln."
Was Keller über Zweifel sagt, das überrascht
Jeder Zweifel ist selbst ein Glaube
„Alle Zweifel, so skeptisch und zynisch sie erscheinen mögen, sind in Wirklichkeit ein Satz alternativer Überzeugungen."
Du kannst nicht an Überzeugung A zweifeln, außer von einer Position des Glaubens an Überzeugung B aus.
Beispiel: Wenn du am Christentum zweifelst, weil „es nicht nur eine wahre Religion geben kann" – dann ist diese Aussage selbst ein Glaubensakt. Niemand kann sie empirisch beweisen.
„Jeder Zweifel basiert also auf einem Glaubenssprung."
Zweifel die Zweifel
„Der einzige Weg, am Christentum richtig und fair zu zweifeln, ist, die alternative Überzeugung unter jedem deiner Zweifel zu erkennen und dich dann zu fragen, welche Gründe du hast, sie zu glauben."
Keller rät: „Du musst deine Zweifel bezweifeln."
Wie weißt du, dass dein Zweifel wahr ist? Wäre es nicht ungerecht, vom Christentum mehr Rechtfertigung zu verlangen als von deinen eigenen Überzeugungen?
Was Jesus über Zweifel sagt
Zimmerling analysiert die Geschichte vom Vater des besessenen Jungen (Markus 9):
Der Vater ruft aus: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben!"
Die ganze Ambivalenz seines Glaubens kommt in diesem Satz zum Ausdruck. Er möchte glauben, dass Jesus helfen kann – aber kann diesen Glauben nicht von sich aus aufbringen.
Und das Erstaunliche: Jesus macht seine Hilfe nicht von der Größe des Glaubens abhängig.
„Jesus knüpft seine Hilfe nicht an die Überwindung des Zweifels. Zweifel stellen kein Hindernis dar, um die seelsorgliche Hilfe Jesu zu erfahren! Er hilft ohne Vorbedingungen oder Vorleistungen."
Keller bestätigt das:
„In einem anderen Vorfall trifft Jesus einen Mann, der bekennt, dass er voller Zweifel ist (Markus 9,24), der zu Jesus sagt: ‚Hilf meinem Unglauben!' Als Antwort auf dieses ehrliche Eingeständnis segnet Jesus ihn und heilt seinen Sohn."
Wenn Zweifel die Ermutigungen überwiegen
Das ist normal – und keine Sünde
Zimmerling schreibt: „Jeder Christ wird immer wieder in Situationen kommen, in denen er wie der Vater nur ausrufen kann: ‚Ich glaube – hilf meinem Unglauben!'"
Angesichts übergroßer Schwierigkeiten und Nöte ist es normal, dass der Glaube an Gottes Macht und Beistand schwindet. Alles, was man früher an Hilfe von Gott erfahren hat, verblasst angesichts der gegenwärtigen Not.
Es kommt nicht auf die Stärke deines Glaubens an
Keller verwendet ein eindrückliches Bild:
„Stell dir vor, du fällst von einer hohen Klippe. Neben dir, während du fällst, ist ein Ast. Er ist deine einzige Hoffnung und er ist mehr als stark genug, dein Gewicht zu tragen."
„Wenn dein Verstand voller intellektueller Gewissheit ist, dass der Ast dich halten kann, aber du nicht wirklich zugreifst, bist du verloren. Wenn dein Verstand stattdessen voller Zweifel und Unsicherheit ist, dass der Ast dich halten kann, aber du trotzdem zugreifst – wirst du gerettet."
Warum? „Es ist nicht die Stärke deines Glaubens, sondern das Objekt deines Glaubens, das dich tatsächlich rettet. Starker Glaube an einen schwachen Ast ist tödlich unterlegen gegenüber schwachem Glauben an einen starken Ast."
Du musst nicht warten, bis alle Zweifel weg sind
„Das bedeutet: Du musst nicht warten, bis alle Zweifel und Ängste verschwunden sind, um Christus zu ergreifen."
„Mach nicht den Fehler zu denken, dass du alle Bedenken verbannen musst, um Gott zu begegnen. Das würde deinen Glauben zu einem weiteren Weg machen, dein eigener Retter zu sein."
An der Qualität und Reinheit deiner Hingabe zu arbeiten, würde zu einem Weg werden, dir die Erlösung zu verdienen. Aber „es ist nicht die Tiefe und Reinheit deines Herzens, sondern das Werk Jesu Christi für uns, das uns rettet."
Was tun, wenn Zweifel übermächtig werden?
1. Klammere dich an das Wenige, das bleibt
Manfred Engeli beschreibt Menschen in tiefer Krise:
„Das Einzige, wozu sie dann noch fähig sind, ist, weiter zu Gott zu rufen, sich an ihm und gewissen Verheißungen festzuhalten, sich mit ihrem Rest an Kraft an ihn zu klammern."
Manchmal ist das genug. Gott verlangt keinen perfekten Glauben – er nimmt das Senfkorn.
2. Lass andere für dich glauben
„In diesen Augenblicken können sie vielleicht nicht mehr selbst beten; aber sie sind unsäglich dankbar für unseren Für-Glauben, unsere Für-Hoffnung und für unser stellvertretendes Gebet."
Wenn du nicht mehr glauben kannst – lass andere für dich glauben. Das ist Leib Christi.
3. Suche Gemeinschaft
Keller rät praktisch:
„Verbringe Zeit in einer christlichen Gemeinde, in ihrem Gottesdienst und in Freundschaft mit ihren Mitgliedern, um mit Christen zu sprechen und zu hören, wie sie selbst mit diesen Zweifeln umgegangen sind."
4. Erinnere dich: Glaube ist ein Prozess
Luther beschrieb es so:
„Das christliche Leben ist nicht Frommsein, sondern ein Frommwerden; nicht Gesundsein, sondern ein Gesundwerden; nicht Sein, sondern ein Werden; nicht Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind's noch nicht, wir werden's aber."
„Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und Schwange. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glühet und glänzt noch nicht alles, es bessert sich aber alles."
Ein Wort der Warnung
Zimmerling warnt auch vor einer „falschen Heroisierung des Zweifels":
„Als ob die höchste Demut des Glaubens gerade im Zweifel bestünde."
Damit kann man sich weder auf die Evangelien noch auf die Briefe des Paulus berufen. Es gibt ein Wachstum im Glauben. Ohne diese Dynamik wird der Glaube schnell zu einer langweiligen, ja toten Angelegenheit.
Ein Schlussgedanke
Keller erinnert:
„Ein Mann sagte einmal zu einem Pastor, er würde gerne an das Christentum glauben, wenn der Geistliche ihm nur ein wasserdichtes Argument für dessen Wahrheit geben könnte. Der Pastor antwortete: ‚Was, wenn Gott uns kein wasserdichtes Argument gegeben hat – sondern eine wasserdichte Person?'"
Am Ende geht es nicht um die Perfektion deines Glaubens. Es geht um die Person, an die du glaubst.
Und diese Person – Jesus – hilft auch denen, die voller Zweifel sind.
„Ich glaube – hilf meinem Unglauben!"
Das ist ein ehrliches Gebet. Und Jesus antwortet darauf.
„Die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen." (Römer 5,5)