Was sagt Gott über mich – wenn Heilung ausbleibt?
„Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!" (Markus 5,34)
Ich habe gebetet.
Lange. Ehrlich. Hoffend.
Und trotzdem bin ich nicht heil geworden.
Diese Worte tragen eine Last, die kaum jemand wirklich ermessen kann, der sie nicht selbst gesprochen hat. Sie sind ehrlich. Und diese Ehrlichkeit ist der Anfang – nicht das Ende.
Was ausbleibende Heilung NICHT über dich sagt
Es liegt nicht an deinem mangelnden Glauben
Eine der grausamsten Antworten, die Menschen in deiner Situation hören, lautet: „Du musst nur mehr glauben." Diese Antwort ist nicht nur falsch – sie ist schädlich.
Ursula Roderus schreibt: „Versagen, geringe Fortschritte oder nicht erfolgte Heilung werden schnell mit ‚mangelndem Glauben' in Verbindung gebracht. Somit liegen Schuld und Ursache ihres Leids wieder bei den Betroffenen."
Aber das ist eine Lüge.
Jesus selbst hat nicht alle geheilt, denen er begegnet ist. Manfred Engeli stellt fest: „Obwohl Jesus alle Krankheiten heilen konnte, hat er nicht alle Kranken geheilt, sondern auch in diesem Teil seines Dienstes nur das getan, wofür er vom Vater beauftragt war."
Wenn Jesus selbst nicht jeden heilte – wie können wir behaupten, dass ausbleibende Heilung immer am Glauben des Kranken liegt?
Es ist keine Strafe
Gott ist kein strenger Buchhalter, der Leiden aufgrund von Fehlern verteilt. Das Buch Hiob widerlegt dieses Denken auf 42 Kapitel. Die Freunde Hiobs waren überzeugt: Sein Leiden muss eine Strafe sein. Gott selbst korrigierte sie am Ende.
Es bedeutet nicht, dass Gott dich nicht liebt
Timothy Keller schreibt über das Kreuz: „Es kann nicht sein, dass er uns nicht liebt. Es kann nicht sein, dass er gleichgültig oder distanziert von unserem Zustand ist. Gott nimmt unser Elend und Leiden so ernst, dass er bereit war, es selbst auf sich zu nehmen."
Wenn wir auf das Kreuz schauen, wissen wir nicht, warum Gott Leiden zulässt. Aber wir wissen, was die Antwort nicht ist: Es ist nicht mangelnde Liebe.
Was ausbleibende Heilung über Gott sagt
Er ist ein Geheimnis – kein Automat
„Das Gebet um Heilung ist eine Bitte und kein Anrecht, das man durch die richtige Formulierung herbeizwingen könnte."
Gott ist nicht wie ein Getränkeautomat, in den wir die richtige Münze werfen und dann das gewünschte Produkt erhalten. Er ist eine Person. Er hat Gründe, die wir nicht verstehen.
Keller formuliert es so: „Wenn du einen Gott hast, der groß und transzendent genug ist, um wütend auf ihn zu sein, weil er Böses und Leiden nicht beendet hat – dann hast du im selben Moment einen Gott, der groß und transzendent genug ist, um gute Gründe dafür zu haben, die du nicht kennen kannst."
Er hat mehrere Wege zu helfen
Engeli betont: „Um uns Gutes zu tun, steht Gott nicht nur die Möglichkeit der Heilung offen; er kann uns eine Krankheit auch zum Segen setzen."
Das ist schwer zu hören. Aber viele Menschen bezeugen: Die schmerzhaftesten Erfahrungen wurden zu den wertvollsten. Nicht dass der Schmerz gut wäre – aber Gott kann aus allem etwas Gutes machen.
Keller teilt sein eigenes Zeugnis: „Ich habe einen Kampf mit Krebs überlebt und meine Frau hat jahrelang mit Morbus Crohn gelitten, und wir würden beide bezeugen, dass es Zeiten des persönlichen und geistlichen Wachstums waren."
Er ist ein Retter-Gott, kein Verhinderer-Gott
„Gott ist kein Verhinderer-, sondern ein Retter-Gott. Er mutet uns Krisen zu, setzt aber die Grenzen fest und geht mit uns durch sie hindurch."
Das ist ein gewaltiger Unterschied. Gott verspricht nicht, dass uns nichts trifft. Er verspricht, dass er mit uns durchgeht.
Was du in der Dunkelheit tun kannst
1. Klage ist erlaubt
Die Psalmen sind voll von Klagen. Menschen schrien zu Gott: Warum? Wie lange noch? Hast du mich vergessen?
„Wir Wegbegleiter müssen Gott nicht verteidigen, müssen nicht erklären, was wir selbst nicht verstehen!"
Du darfst klagen. Du darfst weinen. Du darfst fragen. Das ist keine Sünde – das ist Glaube. Denn du klagst zu jemandem, von dem du glaubst, dass er hört.
2. Halte dich fest – auch mit schwachem Griff
Engeli beschreibt Menschen in tiefer Depression: „Das Einzige, wozu sie dann noch fähig sind, ist, weiter zu Gott zu rufen, sich an ihm und gewissen Verheißungen festzuhalten, sich mit ihrem Rest an Kraft an ihn zu klammern."
Und dann fügt er hinzu: „In diesen Augenblicken können sie vielleicht nicht mehr selbst beten; aber sie sind unsäglich dankbar für unseren Für-Glauben, unsere Für-Hoffnung und für unser stellvertretendes Gebet."
Wenn du nicht mehr beten kannst – lass andere für dich beten. Das ist keine Schwäche. Das ist Leib Christi.
3. Lass die frommen Sätze los
Roderus warnt vor dem, was sie „fromme Sätze" nennt:
„Aufforderungen wie: ‚Du musst nur vergeben, dann…', ‚In Jesus bist du schon heil, du musst es nur ergreifen', ‚Wenn du immer noch Probleme hast, muss es an dir liegen' – transportieren nicht Hilfe und Verständnis, sondern Druck und Distanz."
Du musst solche Sätze nicht glauben. Sie sind nicht biblisch. Sie sind menschliche Versuche, das Mysterium des Leidens zu kontrollieren.
4. Erlaube dir zu trauern
„Weinen ist nicht Zeichen für Schwäche, sondern für Echtheit."
Jesus weinte am Grab des Lazarus – obwohl er wusste, dass er ihn auferwecken würde. Trauer ist keine mangelnde Spiritualität. Sie ist zutiefst menschlich – und Gott hat sie in uns hineingelegt.
Was Gott wirklich über dich sagt
Er bleibt
„Auch wenn Leid geschieht, Gott lässt sie nicht allein, er ist immer da. Dies ist Gottes Wesen, er selbst nennt dies als seinen Namen: ‚Ich bin euer Gott, der für euch da ist'" (2. Mose 3,14).
Der Name Gottes ist nicht „Ich heile immer sofort." Sein Name ist „Ich bin da."
Du bist mehr als deine Krankheit
Das Seelsorge-Handbuch der EKD formuliert es so: „Weil Christinnen und Christen glauben, dass der Mensch Gottes Ebenbild ist und seine Würde und seinen Wert ausschließlich aus der Liebe und Gnade Gottes erhält, ist ihnen jeder Mensch der Zuwendung wert."
Dein Wert kommt nicht von deiner Gesundheit. Er kommt nicht von deiner Funktionsfähigkeit. Er kommt von Gott – und der hat sich nicht geändert.
Er versteht
Keller erinnert: „Das Christentum allein unter den Weltreligionen behauptet, dass Gott in Jesus Christus einzigartig und vollständig Mensch wurde und deshalb aus erster Hand Verzweiflung, Ablehnung, Einsamkeit, Armut, Trauer, Folter und Gefangenschaft kennt."
Am Kreuz schrie Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Er kennt die Dunkelheit. Er kennt das Gefühl der Gottverlassenheit.
„Selbst im Inferno der Verlassenheit gab er seinen Glauben an Gott nicht auf, sondern drückte sein gequältes Gebet in einem Schrei der Bejahung aus: ‚Mein Gott, mein Gott.'"
Er benutzte noch die Sprache der Intimität – „mein Gott" – während er unendliche Trennung erfuhr.
Die Hoffnung, die bleibt
Nicht diese Welt ist das Ende
Keller schreibt: „Die Bibel lehrt, dass die Zukunft nicht ein immaterielles ‚Paradies' ist, sondern ein neuer Himmel und eine neue Erde. In Offenbarung 21 sehen wir nicht Menschen, die aus dieser Welt in den Himmel gebracht werden, sondern den Himmel, der herabkommt und diese materielle Welt reinigt, erneuert und vollendet."
Das bedeutet: Dein Körper ist nicht für immer gebrochen. Die Heilung, die jetzt ausbleibt, wird kommen – vollständig und für immer.
Dein Leiden ist nicht umsonst
Keller erzählt von Familien, die geliebte Menschen verloren haben: „Sie arbeiten daran, Gesetze zu reformieren oder gesellschaftliche Bedingungen zu ändern. Sie brauchen den Glauben, dass der Tod ihrer Geliebten zu neuem Leben geführt hat."
Auch dein Leiden kann Bedeutung haben – nicht weil Leiden gut ist, sondern weil Gott aus allem etwas machen kann.
Ein Wort zum Schluss
Das Seelsorge-Handbuch fasst zusammen: „Unser Leben bleibt immer gebrochen und fragmentarisch. Aber wir werden durch Bezogenheit erlöst und vollendet: indem uns Teil gegeben wird an der Ganzheit des Lebens, die über uns hinausgeht."
Du bist nicht heil geworden. Aber du bist nicht allein. Du bist nicht verworfen. Du bist nicht weniger geliebt.
Und eines Tages – nicht in dieser Welt, aber in der kommenden – wird alles heil sein. Ganz. Vollständig. Für immer.
Bis dahin: „Er ist und bleibt an unserer Seite, auch – oder gerade wenn manche Sehnsucht unerfüllt bleibt und die Realität schmerzhaft ist."
„Die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen." (Römer 5,5)