Was bedeutet Jesu Frage „Willst du gesund werden?“ für Menschen, bei denen Veränderung nicht nur Heilung, sondern auch Verlust, Angst oder Identitätsverlust bedeuten kann? Johannes 5,6
Jesu Frage an den Gelähmten am Teich Bethesda – „Willst du gesund werden?“ (Johannes 5,6) – erscheint auf den ersten Blick fast grausam oder zumindest redundant. Nach 38 Jahren Leiden scheint die Antwort offensichtlich. Doch in der seelsorglichen und theologischen Tiefe, wie sie sich in deiner Bibliothek (u. a. bei Manfred Engeli, Peter Zimmerling und Jen Pollock Michel) widerspiegelt, offenbart diese Frage eine radikale Herausforderung an den menschlichen Willen und die Identität.
Hier ist eine Analyse der Bedeutung dieser Frage in Situationen, in denen Veränderung mit Verlust, Angst oder Identitätsverlust verbunden ist:
1. Die Konfrontation mit dem „Sekundären Krankheitsgewinn“ (Leidensgewinn)
Manfred Engeli betont in „Gottes Angebote“, dass jede Not paradoxerweise auch mit einem gewissen „Gewinn“ verbunden sein kann. In der Seelsorge spricht man vom sekundären Krankheitsgewinn:
- Vermeidung von Verantwortung: Solange der Mann gelähmt ist, muss er nicht für seinen Lebensunterhalt sorgen. Er ist befreit von den normalen gesellschaftlichen Erwartungen (Arbeit, Steuern, Familiengründung).
- Aufmerksamkeit und Versorgung: Die Krankheit sichert ihm einen festen Platz im sozialen Gefüge des Teiches Bethesda und die Zuwendung von Almosen.
- Bedeutung der Frage: Jesus fragt eigentlich: „Bist du bereit, auf die Vorteile deines Leidens zu verzichten?“ Gesundwerden bedeutet hier den Verlust der bisherigen Versorgungsstruktur.
2. Die Angst vor der Freiheit und der neuen Identität
Peter Zimmerling beschreibt in „Überrascht von der Seelsorge Jesu“, dass Menschen sich in ihren Einschränkungen so „häuslich einrichten“ können, dass das Unbekannte eines gesunden Lebens Angst macht.
- Identitätsverlust: Nach 38 Jahren ist der Mann nicht mehr nur krank, er definiert sich über seine Krankheit. Sie ist seine Rolle, seine Geschichte, sein „Zuhause“. Heilung bedeutet, diese vertraute Identität sterben zu lassen, ohne sofort zu wissen, wer man als „Gesunder“ eigentlich ist.
- Heraustreten aus dem Opferdasein: Die Antwort des Mannes (V. 7: „Ich habe keinen Menschen...“) ist eine klassische Opfer-Reaktion. Er erklärt, warum es nicht geht. Jesus unterbricht dieses Narrativ der Hilflosigkeit und fordert ihn auf, seine Identität von „Opfer der Umstände“ zu „Partner Gottes“ zu wechseln.
3. Die Theologie des Verlangens
Jen Pollock Michels deutet in „Teach Us To Want“ die Frage folgendermaßen:
- Geheiligtes Wollen: Jesus nimmt den menschlichen Willen ernst. Er heilt nicht „über den Kopf hinweg“, sondern sucht das Einverständnis. Wahres Wollen erfordert Mut, denn es bedeutet, die Sehnsucht nach Ganzheit über die Sicherheit des Status Quo zu stellen.
- Die Öffnung des Herzens: Wie im Kapitel „Mut“ beschrieben, erfordert die Antwort auf Jesu Frage eine „Blendenöffnung“ des Herzens. Man muss die Selbsttäuschung aufgeben, dass man mit dem jetzigen Zustand eigentlich zufrieden (oder zumindest sicher) sei.
4. Der Preis der Heilung
Heilung ist oft mit Arbeit verbunden:
- „Nimm dein Bett und geh“: Das Bett, das ihn jahrelang getragen hat, muss er nun selbst tragen. Das Symbol seiner Abhängigkeit wird zum Symbol seiner neuen Verantwortung.
- Verlust von Entschuldigungen: Wer gesund ist, hat keine Ausrede mehr, liegen zu bleiben. Die Frage Jesu ist daher auch eine Warnung: „Bist du bereit für die Konsequenzen der Gesundheit?“
Praktische Anwendung
Wenn du diese Frage heute stellst (oder sie dir gestellt wird), bedeutet sie:
- Inventur des Gewinns: Was müsste ich aufgeben, wenn dieses Problem gelöst wäre? (z.B. Mitleid, Sonderbehandlung, Entschuldigungen für Versagen).
- Identitäts-Check: Wer bin ich ohne meine Wunde? Habe ich Angst vor der Person, die ich ohne diesen Schmerz sein könnte?
- Wille zur Verantwortung: Bin ich bereit, „mein Bett zu tragen“ – also die Lasten eines normalen, verantwortungsvollen Lebens auf mich zu nehmen?
Zusammenfassend ist Jesu Frage kein medizinisches Screening, sondern eine seelsorgliche Provokation. Sie zielt darauf ab, den Kranken aus der passiven Identität der Lähmung in die aktive, aber auch fordernde Identität eines Nachfolgers zu rufen.